atome spalten
es schleicht sich still und leise an. erst sind nur ein paar symptome zu erkennen, wie zweifel oder misstrauen – die wahrheit ist meist darunter irgendwo begraben. dann greift es wie eine epidemie um sich und infiziert jeden, der es nicht abschütteln kann. es hat sich seit jahrtausenden in menschlichen gedanken eingenistet und will einfach nicht verschwinden.
das vorurteil.
es gibt tausende beispiele: alle studenten/abiturenten sich klug/schlau, bild-zeitungsleser sind dumm, brillenträger sind schlau (im pol pot und mao regime wurden brillenträger verfolgt und abgeschlachtet, da sie als intelligent und somit als regimekritisch galten), kulturliebhaber sind elitär und arrogant, fußballfans sind proleten (wobei hier dem begriff “prolet” eine andere bedeutung zugemessen wird und nichts mehr gemein hat mit dem ursprünglichen begriff), metalfans sind tumb etc.
jeder hat vorurteile. das muss im ersten moment nicht unbedingt negativ sein. ohne vorurteile hätte beispielsweise die aufklärung nie stattfinden können. vorurteile können auch schützen (nachts nie durch den park gehen etc.). ich bin auch nicht vor vorurteilen gefeit. vor ein paar wochen bin ich gestürzt und konnte nicht mehr aufstehen. es sind keine zwei sekunden vergangen, da fragten schon die ersten menschen ob sie einen arzt holen sollen und jemand holte gleich eis zum kühlen von einer eisdiele. ich habe mich maßlos über mich geärgert, denn zuvor dachte ich, niemand würde mir helfen und klischeehafterweise ignorant vorbeilaufen. wie konnte ich sowas nur denken? mein vorurteil hat sich binnen weniger sekunden in luft aufgelöst, was übrigens ein wunderbares gefühl ist.
von albert einstein stammt das zitat, dass ein vorurteil schwerer zu spalten sei, als ein atom. da mag er durchaus recht haben. viele sind in ihrer meinung so festgefahren, sie ist so absolut, dass niemand sie vom gegenteil überzeugen kann. warum eigentlich? vielleicht weil es so einfacher ist. wir menschen denken ja gerne in kategorien und schubladen. wie schwerer ist es da, über sein urteil noch einmal nachzudenken, die gedanken zu richten und eventuell sein urteil zu revidieren. immanuel kant unterschied zwischen vorurteil und vorläufigen urteilen. letzeres sei vorläufig und noch nicht endgültig, während das vorurteil ein vorläufiges urteil sei, dass als ein endgültiges urteil angesehen wird.
“So lange also die Eitelkeit der menschlichen Gemüter noch mächtig sein wird, so lange wird sich das Vorurteil auch erhalten, d.i. es wird niemals aufhören.”
man kann vorurteile habe, aber man sollte über sein urteil reflektieren, seine in stein gemeißelte meinung oder sein urteil überdenken und so das vorurteil überwinden. das ist mit mühe oder arbeit verbunden, aber es lohnt sich immer.
am schluss noch eine buchempfehlung zum thema:
“achtung! vorurteile” vom großartigen peter ustinov